Tropenwaldzerstörung durch Auftrocknung des "braunen Goldes"
Jährlich werden 200.000 Hektar Naturwald für den Tabakanbau und die Trocknung der grünen Blätter zerstört, nicht mit eingerechnet ist der Rodungsbedarf für neue Anbauflächen wegen der schnellen Bodenerschöpfung.
Dadurch ist besonders der Miombo in Afrika, das größte Trockenwaldgebiet der Erde gefährdet. Auf diese Art und Weise beuten die multinationalen Tabakkonzerne nicht nur die Arbeitskräfte in den Ländern des Südens aus, sondern plündern auch die natürlichen Ressourcen der
Heutige Tabakmischungen
Wesentliches Kriterium bei der Zusammenstellung heutiger Tabakmischungen sind Eigenschaften wie Geschmack, Aroma und Farbe.
Kratziger, herber, schwerer Rauch erfreut sich heute keiner großen Beliebtheit mehr. Die meisten Raucher bevorzugen hellen, süßen und milderen Tabak.
Vor allem die Mischung "American Blend" hat sich heutzutage weltweit durchgesetzt. Dabei handelt es sich um Verschnitte verschiedener Tabaksorten. Die Grundzusammenstellung ist fast immer gleich: ca. 55% Virginiatabak, ca. 25% Burley- und ca. 20% Orient- oder sonstige Tabaksorten. Das genaue Mischungsverhältnis variiert je nach Hersteller und Zigarettentyp; es wird, ähnlich wie bei Coca Cola, von den Firmen auch nicht bekannt gegeben.
Nach der aufwändigen Ernte der Tabakblätter, folgt ein langer Veredelungsprozess, der die grünen Tabakblätter erst in jenes "braune Gold" verwandelt, das zur Rauchmittelproduktion geeignet ist: die Auftrocknung.
Tabaksorten und -trocknungsarten
| Trocknungsart | Sorten | Beschreibung | Weltmarktanteil |
| Heißluftrocknung ("flue-cured-tobacco") | Virginatabake | Der Tabak wird in Trockenscheunen über Röhren durch die Heißluft strömt getrocknet; führt zu mildem Aroma | Ca. 40% |
| Feuertrocknung ("fire-cured-tobacco") | Überwiegend bei Burleysorten & Pfeifentabaken | Tabake werden über dem offenen Feuer, also im Rauch getrocknet; Tabak erhält somit das typisch rauchige Aroma | Ca. 20% |
| Sonnentrocknung ("sun-curing") | Orient-Tabake | Die Tabakblätter werden zum Trocknen in die Sonne gehängt; | Ca. 16% |
| Heller bzw. Dunkler Luftgetrockneter Tabak ("light/ dark-air-cured-tobacco") | Meistens Burley- und Marylandtabke; auch Virginia | Die Blätter werden aufgehängt und im luftigen Schatten getrocknet | Ca. 11% |
Die Auftrocknung
Auftrocknung ("curing") kann zum Einen auf natürliche Art und Weise geschehen: Hier wird der Tabak durch die natürliche Kraft der Sonne an der Luft getrocknet. Ein großer Teil des weltweit angebauten Tabaks wird so verarbeitet. Weitaus üblicher ist jedoch die künstliche Auftrocknung in speziellen Trockenscheunen. Dazu werden die Blätter über Röhren zusammengebunden aufgehängt. Bei dieser Art der Tabaktrocknung ("flue-curing") strömt Heißluft durch Röhren und leitet die Hitze zu dem Tabak.
In der künstlichen Auftrocknung liegt aber gerade das "Geheimnis" des Virginiatabaks, des wichtigsten Bestandteiles des "American Blend". Denn erst im Laufe des Trocknungsprozesses kommt es zu chemischen Reaktionen, die Zucker auf- und Stickstoffverbindungen abbauen, also den Rauch mild, süß und angenehm machen. Somit trägt die künstliche Trocknung entscheidend zu jenen "positiven" Eigenschaften des Virginiatabaks bei, die von Rauchern weltweit so geschätzt werden.
Nun ist der helle Virginiatabak - ganz im Gegensatz zu seinen dunklen Artgenossen - in Bezug auf Trocknung eine sehr anspruchsvolle Pflanze. Um eine optimale Trocknung zu erzielen, muss in den Trockenräumen konstant dieselbe Temperatur herrschen. Eine Woche lang hängt der Tabak bei ca. 71° Celsius, über den heißen Röhren. Dabei ist in fast allen afrikanischen Erzeugerländern, sowie in Südamerika, Holz der wichtigste Energieträger und um die nötige Trocknung zu erreichen, verheizen die Tabakbauern große Mengen davon.
Holzverbrauch in Zahlen
Allein tansanische Tabakpflanzer holzen jährlich rund 15.000 Hektar Naturwald ab.1 In nur fünf Jahren (1990-1995) wurden in Mittel- und Südostafrika rund 2,1 Millionen Hektar2 Wald zerstört, das entspricht ungefähr der Fläche Sachsen-Anhalts. Im Schnitt kann man rund 5% der Entwaldung in den Tropen und Subtropen auf das Nachtschattengewächs zurück führen. In den 1990er Jahren wurden weltweit rund 200.000 Hektar Naturwald jährlich vom Holzbedarf für Blatttrocknung zerstört. Das sind knapp 20 Kubikmeter für eine Tonne Tabak3, also bis zu 2,4 Kilogramm Holz für eine Schachtel Zigaretten. Plakativ formuliert: Der/die deutsche Durchschnittsraucher/in verpafft alle drei Monate einen Tropenbaum.
Der Miombo
Fast 90% des afrikanischen Tabaks werden in Ländern innerhalb der so genannten Miombowaldzone angebaut.4 Der Miombo ist mit 3,4 Millionen Quadratkilometern das größte zusammenhängende Trockenwaldgebiet der Erde. Es erstreckt sich über ungefähr sieben Länder in Zentral- und Südostafrika. Der Miombogürtel reicht von Angola und Mosambik im Süden bis Zentraltansania und den östlichen Kongo im Norden. Seine Fläche ist größer als Indien. Vergleichbare Trockenwaldformationen in Asien und Südamerika sind heute weitestgehend zerstört beziehungsweise in Agrarland umgewandelt. Im Gegensatz dazu gelten mehr als zwei Drittel des Miombos als noch ungestört von menschlicher Aktivität.
In der Sprache der einheimischen Bemba ist "Miombo" die Mehrzahl von "Muombo". Eben dieser Muombo-Baum (Brachystegia longifolia) dominiert an vielen Stellen die Miombowälder. Diese Vegetationsform des Miombowaldes ist gekennzeichnet durch eine Mischkombination aus über 330 Baumarten und einer geschlossen Grasdecke. Miombowälder sind regengrüne, Laub abwerfende Tropenwälder, deren Blätter sich in der Trockenzeit auffallend verfärben.
Der Miombo ist seit Jahrhunderten für die einheimischen Stämme entscheidender Faktor des Lebens und Überlebens. Heutzutage bietet er weit mehr als 100 Millionen Menschen unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten. Er war und ist Nahrungsgrundlage, liefert natürliche Bau- und Brennstoffe und wichtige erwerbswirtschaftliche Grundlagen (Imkerei, Medizin) für die in der Region lebenden Menschen. Außerdem ist er Lebensraum für rund 300 Tier- und Pflanzenarten. Unbestritten sind außerdem seine "positiven ökologischen Wirkungen auf den regionalen Klima-Boden-Vegetationskomplex und die signifikanten Einflüsse auf das Globalklima" 5.
Bilanz
Die Nutzung der Muombohölzer gehört und gehörte somit schon seit langer Zeit in die Symbiose Wald-Mensch. Doch seitdem Tabakkonzerne das wirtschaftliche Potential der Miombozone für sich erkannt haben, nimmt der Missbrauch der natürlichen Ressourcen exorbitant zu. Lebten früher Mensch und Wald in einer nachhaltigen Nachbarschaft, so wird der Wald heute unter den Existenzzwängen des Tabakanbaus missbraucht und auf seine wirtschaftliche Komponente als Brennholzlieferant reduziert.
Die Folgen der Zerstörung dieses Ökosystems sind weitreichend (siehe: Bodenverarmung). Schon heute gleichen einst bewaldete Gebiete wüstenhaften Einöden. Und neben den ökologischen Folgen beeinflusst die zunehmende Desertifikation auch die Lebensverhältnisse der einheimischen Familien.
Dabei handelt es sich bei den oben genannten Zahlen "nur" um den Holzverbrauch für die Trocknung der grünen Tabakblätter, der Kahlschlag für neue Tabakfelder ist noch nicht mit eingerechnet. Da Tabak eine sehr anspruchsvolle Pflanze ist und beim Anbau viele Insektizide, Fungizide sowie Dünger zum Einsatz kommen, sind die Böden nach zwei bis drei Anbauperioden meist ausgelaugt, sodass zusätzlich neue Flächen für den Anbau gerodet werden müssen.
Argumente der Tabakindustrie
Westliche Tabak- bzw. Zigarettenkonzerne als Hauptabnehmer des afrikanischen Rohtabaks wehren sich massiv gegen die Kritik an den Anbaumethoden. Sie betonen lieber, mehr zum Erhalt der Wälder als zu deren Vernichtung beizutragen. Dabei werden immer wieder vor allem zwei Argumente angeführt: Zum einen würden sie die Bauern beim Umstieg auf Kohle unterstützen, zum anderen berufen sie sich auf von ihnen ermöglichte Aufforstungsprogramme.
Zwar wurde mit anderen Energieträgern (Benzin, Strom aus Wasserkraft, Kohle) experimentiert, aber keines war für die Region erfolgreich, da mit der dort vorhandenen Technik die notwendige optimale Temperatur nicht erreicht wurde. Ganz abgesehen davon hätten afrikanische Bauern gar nicht das nötige Geld, um ihre Trocknung auf Kohle umzustellen. John Waluye, ein tansanischer Umwelt-Journalist betont im Bezug auf Tansania, dass dort die Nutzung von Kohle fast unmöglich sei. Denn die Transportwege sind viel zu weit und das Streckennetz für Züge schlecht ausgebaut.
In anderen tabakproduzierenden Nationen wie Griechenland und Brasilien werden die Öfen auch mit anderen Energieträgern (Öl, Gas) beheizt.
Auch das Argument der Aufforstung muss erheblich revidiert werden. Zwar gibt es einige wenige Fälle, in denen die Tabakfirmen (z. B. BAT) ihre Versprechen eingelöst haben, dann wurden jedoch Eukalyptusbäume gepflanzt. Entweder in großen Plantagen lediglich als neuer Holzlieferant oder aber als ernstgemeinte Wiederaufforstung.6 Allerdings ist das Pflanzen von Eukalyptus lediglich ein unbedachtes Zeichen guten Willens, denn dieser Baum verbraucht weit mehr Wasser und Nährstoffe als ein einheimischer Muombobaum. Viele Pflanzen gehen noch im ersten Jahr ein und die restlichen bringen das regionale, einzigartige Ökosystem nur noch weiter durcheinander. Als Holzlieferant für die Trocknung des grünen Tabaks eignet sich Eukalyptus nicht, wie sogar aus dem BAT-Jahresbericht von 1977 hervorgeht: "Der Rauch dieser (einheimischen) Bäume hat maßgeblichen Einfluss auf dass Aroma des letztlich getrockneten Blattes. Es ist deshalb wichtig, das bestimmte Sorten wie Eukalyptus, Zypresse, Kiefer etc. (exotische Bäume) nicht verwandt werden, da sie einen unerwünschten Geruch mit sich bringen."7
Abholzung großer Waldflächen, CO2-Ausstoß durch Verbrennung, Monokultur, Überdüngung und Vergiftung der Böden, Desertifikation, zunehmende gesundheitliche Risiken der einheimischen Bauern - der Tabakanbau zieht eine giftige Schneise durch das größte Trockenwaldgebiet der Erde.
Quellen:
Geist, Heller, Waluye, 2004: Rauchopfer- Die tödliche Strategie der Tabakmultis. Horlemann Verlag. Bad Honnef. Seite 83ff
Geist, Helmut 1998: Tropenwaldzerstörung durch Tabak. Eine These erörtert am Beispiel afrikanischer Miombowälder. Geographische Rundschau. Vol. 50 (5). Seite 283-290
Geist, Helmut 1998: Das Bergland von Namwera. Eine Fallstudie über Landdegradierung, Gemeinheitsteilung und braunes Gold. GAIA- Ökologische Perspektiven in Natur-, Geistes und Wirtschaftswissenschaften. Vol. 4: 255-264
2006: Tobacco Atlas, World Health Organisation (WHO), zu finden unter: www.who.int/tobacco/statistics/tobacco_atlas/en/
2001: Golden Leaf, Campaign Tobacco Free Kids, Washington DC zu finden unter: tobaccofreekids.org/campaign/global/FCTCreport1.pdf
-------------------------
1 Geist, Heller, Waluye 2004: Rauchopfer- Die tödliche Strategien der Tabakmultis. Horlemann Verlag. Bad Honnef. Seite 116
2 Geist, Helmut 1998: Tropenwaldzerstörung durch Tabak. Eine These erörtert am Beispiel afrikanischer Miombowälder. Geographische Rundschau. Vol. 50 (5): Seite 287
3 siehe Fußnote 1
4 Geist 1998. Tropenwaldzerstörung durch Tabak. Eine These erörtert am Beispiel afrikanischer Miombowälder. Geographische Rundschau. Vol. 50 (5). Seite 287
5 siehe Fußnote 4; Seite 284
6 Geist, Heller, Waluye 2004: Rauchopfer- Die tödliche Strategien der Tabakmultis. Horlemann Verlag. Bad Honnef. Seite 120
7 BAT Kenya, Jahresbericht 1977; und Ministerium für Wirtschaftsplanung, Economic Review of Agriculture Vol. 2 (2), 1977 zitiert nach Geist, Heller, Waluye 2004: Rauchopfer- Die tödliche Strategien der Tabakmultis. Horlemann Verlag. Bad Honnef. Seite 120