Eine neue Form der Sklaverei
Zigarettenhersteller bedienen sich verschiedener Strategien, um Rohtabak so profitabel wie möglich einkaufen zu können - jedoch nicht ohne Folgen für diejenigen, die ihn anbauen. In vielen Ländern des Südens geht der Anbau von Tabak unmittelbar mit Armut, Hunger und Kinderarbeit einher.
Die Kultivierung von Tabak ist so arbeitsintensiv, dass den Bauern keine Zeit bleibt, um Nahrungsmittel für sich anzubauen.1 Von der Saat bis zum Verkauf der getrockneten Blätter gehen die Pflanzen zwischen 30 und 50 Mal durch die Hände der Arbeiter:2 Sie werden von Hand ausgesät, mehrfach umgesetzt, gegen Schädlinge behandelt und schließlich geerntet. Zudem gehen große, für die Subsistenzwirtschaft wichtige Agrarflächen verloren.3
"Die Leute bei uns essen jetzt Abfälle, weil es im Land keinen Mais mehr gibt. Wir müssen Mais importieren, und wir exportieren dafür Tabak - ja, macht denn das überhaupt noch Sinn?", beschreibt John Kapito von der Consumers Association die Situation in Malawi.4 Sechzig Prozent der Exporteinnahmen dieses ostafrikanischen Staates stammen aus dem Tabakanbau.5
Doch fehlt den Bauern sogar das Geld für die grundlegendsten Mittel zum Leben. Zu arm, um sich Schutzkleidung leisten zu können, leiden viele Tabakbauern unter den Auswirkungen von Nikotin- und Pestizidvergiftungen. Wegen notwendiger Investitionen hochverschuldet, geraten sie und ihre Familien in Hunger und Armut. Der große Arbeitsaufwand erfordert die Mitarbeit der gesamten Familie, selbst der Kinder.6
Seit langem haben internationale Tabakfirmen einen Prozeß in Gang gesetzt, der dazu führt, dass der weltweite Rohtabakmarkt übersättigt ist. Sie ermutigten Bauern und Regierungen in den Ländern des Südens dazu, Produkte wie Mais oder Zuckerrohr zugunsten des angeblich viel lukrativeren Tabaks aufzugeben - mit fatalen Auswirkungen für die betroffenen Regionen.7
Das Überangebot nutzen die wenigen großen Konzerne, um den Markt und die Preise zu bestimmen. Die Bauern haben keine Wahl, an wen sie ihre Ernte verkaufen, vor allem wenn ein oder zwei Unternehmen fast den gesamten lokalen Markt beherrschen. So bleibt ihnen nichts anderes übrig als die von den Aufkäufern bestimmten Preise zu akzeptieren.8
Tabak wird häufig auf Auktionen versteigert. Dort schätzen Aufkäufer den Qualitätsgrad der Ware ein, welcher wiederum den Preis bestimmt. Bauern beklagen, dass das "Grading" - das Festlegen der Qualität - willkürlich verläuft und die Käufer zu niedrige Preise bieten. Doch sind sie gegen das Vorgehen der Händler machtlos, die sich immer wieder zu Kartellen zusammen schließen.9
Am Beispiel von Malawi, einem der ärmsten Länder der Welt, wird deutlich, wie chancenlos die Bauern gegenüber der Preispolitik der Auktionäre sind. Eine Untersuchung des malawischen Anti-Corruption Bureau ergab, dass die jährlichen Auktionen eine Farce sind, da die Aufkäufer Preise untereinander vereinbaren.10 Die Bauern erzielten in den letzten sieben Jahren so niedrige Preise, dass damit bei weitem nicht ihre Investitionskosten gedeckt waren. Ihnen wurden lediglich zwischen 0,60 und 0,80 US-Dollar pro Kilo gezahlt, wohingegen für die gleiche Menge 1,20 US-Dollar investiert werden müssen, und es sieht so aus, dass sich dieser Trend fortsetzt.11 2001 boten die Händler nur ganze 0,10 US-Dollar für ein Kilogramm, woraufhin es in Lilongwe zu Protesten kam, die zweimal zur Schließung der Auktion führten. Schon 1998 fragte das sonst konzernfreundliche Tobacco International Magazine: "Are the Big Companies Killing Market Prices?"12
Ein Bauer aus Milepa drückt die seine Situation so aus: "Wie sollen wir unsere Pachten bezahlen? Nicht zu denken an Dünger und Transportkosten. Die Peanuts, die wir hier bekommen, reichen nicht aus."
"A tobacco household produces leaf for up to 100,000 cigarette packs each season, but is paid less than .01% of the total value." (Marty Otanez)13
In Marty Otanez' Dokumentarfilm "Thangata" von 2002, wird die malawische Tabakbäuerin Margaret interviewt. Sie erzählt, dass sie für drei Jahre Arbeit lediglich 80 US-Dollar erhielt. Ihre gesamte Familie müsste 320.000 Jahre für das Jahresgehalt des damaligen Philip Morris-Vorstandschefs Geoffrey Bible arbeiten, heißt es im Film.14 Philip Morris ist Malawis größter Abnehmer15 und weltweit die Nummer Eins im Tabakgeschäft.
Aber nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent ist die Situation so gravierend. In Brasilien, dem weltgrößten Tabakexporteur16, arbeiten beispielsweise 47.500 Bauern im sogenannten "Vertragssystem" praktisch direkt für Souza Cruz17. Das Tochterunternehmen der British American Tobacco Inc. schließt zu Beginn jeder Saison Verträge mit den Bauern ab, in denen festgelegt wird, wieviel Land bebaut, welche Art Saatgut verwendet und wann welche Pestizide und Dünger zum Einsatz kommen dürfen. Souza Cruz schickt regelmäßig Kontrolleure, um die Einhaltung der Richtlinien zu überwachen. Das Saatgut darf ausschließlich von Souza Cruz gekauft und die Ernte wiederum nur an Souza Cruz verkauft werden.18 Doch haben auch hier, wie in Malawi und anderen Ländern, die Bauern keinen Einfluß auf die Preise, die ihnen das Unternehmen am Ende der Saison für ihre Ernte zahlt.
Das "Grading", das Bestimmen des Qualitätsgrades und demnach des Preises, verläuft willkürlich, ohne jede Transparenz und wird nur selten durch einen unabhängigen Beobachter überprüft.19 So bekommt ein brasilianischer Bauer nur ein Viertel dessen, was in den Vereinigten Staaten gezahlt wird, obwohl Tabak aus Brasilien weltweit die zweithöchste Qualität besitzt.20 Die Bauern müssen Geld für Dünger, Pestizide, Holz und Trocknungsöfen investieren. Dafür wirbt Souza Cruz mit angeblich günstigen Krediten, die am Ende der Ernte mit Tabak zurückgezahlt werden sollen.21
Laercio Levardosk, der regelmäßig Tabakbauern verteidigt, berichtet von rigorosen Maßnahmen des Unternehmens: "Einigen meiner Klienten wurde der Besitz durch die Firma beschlagnahmt. Es ist eine Situation, die an Sklaverei grenzt, weil die Bauern einen minimalen Profit bekommen, wenn die Produktion gut ist. Aber wenn sie eine schlechte Ernte haben, werden die Schulden an die Tabakfirma in das nächste Jahr mitgenommen."22
"Alles was wir tun, ist, jedes Jahr tiefer und tiefer in Schulden zu geraten." (Claire Lehman)23
Der Konzern hat außerdem im Namen vieler Tabakbauern über eine lange Zeit hinweg staatliche Kredite des Landwirtschaftsförderungsprogramms PRONAF beantragt, ohne dass diese davon wußten. Als Bauern dann aus dem Tabakanbau aussteigen wollten und für den Wechsel zu anderen Anbauprodukten Gelder beantragten, wurde ihnen von der PRONAF gesagt, dass diese schon ausgeschöpft seien. Dieser Praxis hat das Programm mittlerweile einen Riegel vorgeschoben.24
Der Mutterkonzern BAT vertritt zwar "den Standpunkt, dass die weltweit anerkannten menschlichen Grundrechte gewahrt werden sollen"25, doch sorgt er nicht im Geringsten für den Schutz seiner Vertragsbauern und ihrer Familien. Der Gebrauch von Pestiziden wie Confidor oder Orthene, die von der WHO als giftig eingestuft werden (Gefahrenklasse II)26, führen zu schweren Vergiftungen, die z.B. Depressionen auslösen. Eine Studie von 1996 hat ergeben, dass die Selbstmordrate in Gegenden in denen Tabak angebaut wird siebenmal höher ist, als im brasilianischen Durchschnitt.27 Christian Aid gibt unter Berufung auf eine 1998 durchgeführte Studie an, dass sogar sechsjährige Kinder mitarbeiten und mit Pestiziden umgehen müssen. Wie in Afrika so ist auch hier die gesamte Familie eingespannt.28
"Wenn ich könnte, würde ich morgen mit dem Tabakanbau aufhören. Ich wünschte nur, dass diese Bosse von Souza Cruz kommen und einen einzigen Tag auf meinen Feldern verbringen würden. Dann würden sie sehen wie hart wir arbeiten und wieviel wir zu ihrem Produkt beitragen", meint der aus Rio Grande do Sul (Brasilien) stammende Bruno Filho.29
"There's never money left over at the end of the year." (Jose Pinheiros)30
Ein brasilianischer Tabakbauer bekommt im Durchschnitt 650 US-Dollar pro Jahr, 290 US-Dollar weniger als der gesetzliche Mindestverdienst. Im Gegensatz dazu machte Souza Cruz 1998 einen Reingewinn von 260 Millionen US-Dollar.31
"Die Vorgaben für die Verbesserung der Kostenpositionen sind hoch"32, heißt es auf der Internetseite von BAT. Was diese Vorgaben jedoch für die Bauern bedeuten, ist eine immer größer werdende Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen - in Brasilien und anderen Anbauländern.
-------------
1Geist, Helmut; Heller, Peter; Waluye, John 2004: Rauchopfer.Die tödlichen Strategien der Tabakmulties. Bad Honnef: Horlemann-Verlag, S. 90
2Christian Aid 2002: Hooked On Tobacco. Summary: British American Tobacco. http://www.christian-aid.org.uk/indepth/0201bat/batsum.htm Stand: 30.4.2007
3"Tobacco export data from FAO statistical database (http://apps.fao.org) for 1997; total export earnings data from the World Bank, Entering the 21st Century: World Development Report 1999/2000". Zitiert nach: Tobacco Free Kids 2001: Golden Leaf, Barren Harvest. The Costs of Tobacco Farming. Washington: S. 18
4Geist, Helmut; Heller, Peter; Waluye, John 2004: Rauchopfer.Die tödlichen Strategien der Tabakmulties. Bad Honnef: Horlemann-Verlag, S. 130
5World Bank 1999: Curbing the Epidemic: Government and the Economics of Tobacco Control, S. 59, Table 5.1; Zahlen von 1997.
6Tobacco Free Kids 2001: Golden Leaf, Barren Harvest. The Costs of Tobacco Farming. Washington: S. 14ff
7ebd.: S. 2
8ebd.: S. 11
9ebd.: S. 11
10Anti-Corruption Bureau 2005: Investigation Report: Allegation of corruption and connivance among tobacco buyers, Auction Holdings Limited and other stakeholders in the tobacco industry. Malawi.
11Sabola, Taonga 3/25/2007: Govt prays for buyers' mercy. Nation Online. www.nationmalawi.com/print.asp
12Turkville Kille, "Big Domination," Tobacco International, September 1998. Zitiert nach: Tobacco Free Kids 2001: Golden Leaf, Barren Harvest. The Costs of Tobacco Farming. Washington: S. 12
13Marty und Michelle Otañez 2002: Thangata. Dokumentarfilm.
14Das Jahresgehalt bezieht sich auf das Jahr 2001. Quelle: Marty und Michelle Otañez 2002: Thangata. Dokumentarfilm.
15David Nicoli 11. März 2002: Rede. Kampf gegen Kinderarbeit im Tabakanbau. http://www.philipmorrisinternational.com/ Stand: 12.5.2007
16International Tobacco Growers Association. Zitiert nach: Christian Aid 2002: Hooked On Tobacco. Chapter one: The only game in town. www.christian-aid.org.uk/indepth/0201bat/bat1.htm 30.4.2007
17Anuario Brasileiro do Fumo 1999, Gazeta Grupo de Communicacoes. Zitiert nach:
Rimmer, Lisa et. al. 2004: BAT's big wheeze - The Alternative British American Tobacco Social and Environmental Report. S. 18. (Herausgegeben von Action on Smoking and Health, Friends of the Earth und Christian Aid.)
18Tobacco Free Kids 2001: Golden Leaf, Barren Harvest. The Costs of Tobacco Farming. Washington: S. 13
19 Rimmer, Lisa et. al. 2004: BAT's big wheeze - The Alternative British American Tobacco Social and Environmental Report. S. 18. (Herausgegeben von Action on Smoking and Health, Friends of the Earth und Christian Aid.)
20Christian Aid 2002: Hooked On Tobacco. Summary: The risks of tobacco growing. www.christian-aid.org.uk/indepth/0201bat/batsum.htm Stand: 30.4.2007
21Christian Aid 2002: Hooked On Tobacco. Chapter one: Growing for Souza Cruz. http://www.christian-aid.org.uk/indepth/0201bat/bat1.htm 30.4.2007
22ebd.: Chapter one: Curing Tobacco.
23Diana Jean Schemo, "In Brazil Tobacco Country, Conglomerates Rule," New York Times, 2 April 1998. Zitiert nach: Tobacco Free Kids 2001: Golden Leaf, Barren Harvest. The Costs of Tobacco Farming. Washington: S. 16
24Christian Aid 2002: Hooked On Tobacco. Chapter one: Credits and bonuses. www.christian-aid.org.uk/indepth/0201bat/bat1.htm Stand: 30.4.2007
25BAT Germany Webseite: Business Principles. Good Corporate Conduct. http://www.bat.de/. Stand: 13.5.2007
26Christian Aid 2002: Hooked On Tobacco. Chapter two: Pesticides prescribed by Souza Cruz. www.christian-aid.org.uk/indepth/0201bat/bat2.htm Stand: 30.4.2007
27Hickey and Chan, 1998. Tobacco, farmers and pesticides: the other story. Zitiert nach: Christian Aid 2002: Hooked On Tobacco. Chapter three: Suicide by ingesting pesticides. http://www.christian-aid.org.uk/indepth/0201bat/bat3.htm Stand: 30.4.2007
28Christian Aid 2002: Hooked On Tobacco. Chapter one: Child labour in the brazilian tobacco fields. www.christian-aid.org.uk/indepth/0201bat/bat1.htm Stand: 30.4.2007
29"If I could get out of tobacco farming tomorrow I would. I only wish those Souza Cruz executives in suits would come and spend a day working in my fields. Then they'd see how hard we work and how much value we add to their product." Quelle: Christian Aid 2002: Hooked On Tobacco. Chapter one: Curing Tobacco. http://www.christian-aid.org.uk/indepth/0201bat/bat1.htm Stand: 30.4.2007
30ebd.
31Christian Aid 2002: Hooked On Tobacco. Chapter one: The only game in town. http://www.christian-aid.org.uk/indepth/0201bat/bat1.htm Stand: 30.4.2007 (Souza Cruz Gewinn aus: Anuario Brasileiro do Fumo 1999, Gazeta Grupo de Communicacoes)
32BAT Germany Webseite: British American Tobacco weltweit. http://www.bat.de/ Stand: 30.4.2007