Hintergrundartikel

03.11.2011

Drucken

In jeder Zigarette ein Stück Kinderarbeit

Kinderarbeit im Tabakanbau ist sehr gefährlich und weltweit verboten. Trotzdem arbeiten in allen bedeutenden Tabakanbauländern Kinder auf den Feldern. Viele erkranken dadurch an der Grünen Tabakkrankheit.

Zwei Mädchen (11 und 12 Jahre alt) beim Unkraut Jäten in einem Tabakfeld. Nellore, Indien, 2008. Copyright: Marty Otañez

Zwei Mädchen (11 und 12 Jahre alt) beim Unkraut Jäten in einem Tabakfeld. Nellore, Indien, 2008. Copyright: Marty Otañez

Allein in Malawi arbeiten etwa 78.000 Kinder auf den Tabakplantagen. Aber auch in Brasilien, Indien, den USA und anderen Ländern ist Kinderarbeit weit verbreitet.

Kinder ab 5 Jahren bereiten Saatbeete vor, indem sie Felder umgraben und Bäume fällen. Sie düngen den Tabak und sprühen Pestizide, ohne Schutzkleidung zu tragen. Und sie setzen sich bei der Ernte der Gefahr aus, an der Grünen Tabakkrankheit zu erkranken, weil sie Nikotin aus den Tabakblättern über die Haut aufnehmen. Schon eine kleine Menge des Nervengifts führt bei ihnen zu einer Nikotinvergiftung, die Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel und Schwächeanfälle verursacht. Kinderarbeiter_innen in Malawi nehmen bis zu 54 Milligramm Nikotin am Tag über die Haut auf, zeigt eine Studie von Plan International. Das ist soviel Nikotin wie in 50 Zigaretten enthalten ist.1

Beitrag zum Überleben der Familie

Mit ihrer Arbeit tragen diese Kinder zum Einkommen ihrer Familien bei, die anders nicht über die Runden kommen würden. Das liegt an den geringen Preisen, die die Tabakkonzerne und Plantagenbesitzer_innen für die Ernte bezahlen. So müssen die Bauernfamilien mehr Tabak anbauen als sie mit der Arbeitskraft der Erwachsenen schaffen können. Die Bauern und Bäuerinnen können sich keine Saisonarbeiter leisten, Kinder und andere Verwandte werden dagegen meist nicht bezahlt. Deshalb ist Tabakanbau Familienarbeit.

Warum ist Kinderarbeit schlecht?

Kinderarbeit im Tabakanbau ist gefährlich, weil die Kinder dabei Chemikalien ausgesetzt sind. Außerdem ist die Pflanze selbst giftig. Verletzungen und Krankheiten, die durch die Arbeit im Tabakanbau verursacht werden können sind2

  • Vergiftungen wie die Grüne Tabakkrankheit
  • Hautausschläge, allergische Reaktionen, Atemschwierigkeiten, Sehschwierigkeiten, chemische Vergiftungen, Leberschäden, Nervenerkrankungen und Unfruchtbarkeit durch den Umgang mit Chemikalien wie Dünger und Pestiziden
  • Knochen- und Gelenkverformungen durch das Tragen schwerer Lasten
  • Rückenschmerzen während der Ernte
  • Sonnenstiche
  • Schlangenbisse und Krankheiten, die von Moskitos verursacht werden
  • Schnittwunden und Blasen
  • starke Erschöpfung und Müdigkeit

Außerdem gefährdet die Arbeit die kindliche Entwicklung und hindert die Kinder daran, eine ausreichende Schulbildung zu bekommen, sodass sie nicht aus dem Armutskreislauf ausbrechen können.

Laut Artikel 32 der UN-Kinderrechtskonvention ist Kinderarbeit erlaubt, wenn es sich um leichte und ungefährliche Arbeiten handelt. Das ist beim Tabakanbau nicht der Fall: Kinder unter 18 Jahren dürfen deshalb keinerlei Arbeiten ausführen, die mit Tabakproduktion zu tun haben.

Was muss getan werden, um Kinderarbeit im Tabakanbau zu verhindern?

  1. Tabakkonzerne müssen höhere Preise zahlen, sodass die Bauernfamilien davon leben können, ohne auf die Arbeit ihrer Kinder zurückzugreifen. Die Corporate Social Responsibility-Programme3 der Tabakindustrie sind ansonsten nur Imagepflege.
  2. Die Grundrechte von Arbeiter_innen auf Tabakplantagen müssen geachtet werden. Sie brauchen schriftliche Verträge, ausreichende Bezahlung, sauberes Trinkwasser und genügend Nahrung.
  3. Tabakbauern und -bäuerinnen sowie Tabakarbeiter_innen brauchen alternative Existenzgrundlagen, das heißt, sie brauchen andere Anbaupflanzen und faire Verträge (fairer Handel).
  4. In der UN-Kinderrechtskonvention wird eine Grundschulpflicht vorgeschrieben. Diese muss durchgesetzt werden. Außerdem werden mehr Schulen in Tabakanbauregionen benötigt (z.B. in Malawi).
  5. Schulessen-Programme sind ein guter Anreiz, damit Kinder die Schule besuchen. Wenn dafür lokal angebaute Nahrungsmittel verwendet werden, ist das besonders gut: dadurch entstehen alternative Lebensgrundlagen in der betroffenen Region.
  1. Plan Malawi, Hard work, long hours, little pay. Research with children working on tobacco farms in Malawi (Lilongwe: Plan International, 2009): http://plan-international.org/about-plan/resources/publications/protection/hard-work-long-hours-and-little-pay
  2. International Labour Office and International Programme on the Elimination of Child Labour (IPEC), Children in hazardous work: What we know, what we need to do (Geneva: International Labour Office, 2011), 21: http://www.ilo.org/ipecinfo/product/viewProduct.do?productId=17035
  3. Programme, in denen Unternehmen versuchen, verantwortungsbewusst gegenüber ihren Mitarbeiter_innen und ihrem Umfeld zu handeln: Sie bauen beispielsweise Schulen oder Brunnen.

d5 Kommentare zu “In jeder Zigarette ein Stück Kinderarbeit”

  1. Petra Noffz

    Ich danke für die Information.
    Das Wohlergehen von Kindern liegt mir am Herzen.
    Ich kann kein Geld spenden. Gibt es aber etwas, das ich tun kann, um den Kampf gegen Kinderarbeit und für Schulbildung zu unterstützen?
    Freundliche Grüße
    Petra Noffz

    • Laura Graen

      Liebe Petra,
      vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Was Sie tun können: Freund_innen und Verwandten davon erzählen. Wenn Sie sich in unseren Newsletter eintragen und/oder uns auf Facebook folgen, erfahren Sie immer rechtzeitig von unseren Protestaktionen.
      Beste Grüße,
      Laura Graen (Webredaktion)

  2. Lena

    Hallo, heißt das, dass es gar keinen Tabak gibt, den man rauchen kann, ohne damit Tierversuche, Kinderarbeit, Umweltverschmutzung oder sonstige Ausbeutungen mitzufinanzieren? Wie sieht es z.B. bei „American Spirit“ aus? Danke sehr für die Informationen!

    • Sonja von Eichborn

      Hallo Lena,
      sorry für die verspätete Antwort. Ja, das heißt es.
      American Spirit wirbt damit, dass der Tabak keine Zusatzstoffe enthält und zusätzlich der Tabak einer Sorte organisch angebaut wird. Das Siegel kommt vom US-amerikanischen Landwirtschaftsministerium. Über die Arbeitsbedingungen beim Anbau der giftigen Pflanze sagt dies allerdings nichts aus.
      Außerdem gibt es Kritik am Logo seitens der amerikanischen Ureinwohner, siehe auch die Dirty Deeds des Mutterkonzerns Reynolds American unter http://www.unfairtobacco.org/konzerne/reynolds-america/